ⓦ 466 Im Spiegel von Wim Wenders, Perfect Days und das eigene Leben – Erinnerungen zwischen Bildern und Filmen
Ein Ausstellungsbesuch wird zur Lebensreise
In dieser Podcastfolge besuchen Dominika Pancewicz und ich gemeinsam die große Wim-Wenders-Retrospektive W.I.M. – Die Kunst des Sehens in der Bundeskunsthalle Bonn. Was als Ausstellungsgang beginnt, wird schnell zu einer sehr persönlichen Reise durch Filme, Fotografien, Erinnerungen und Lebenshaltungen. Wim Wenders erscheint dabei weniger als „großer Regisseur“, sondern als stiller Begleiter durchs Leben – jemand, dessen Bilder lange nachwirken und sich mit der eigenen Biografie verweben.
Dominika erzählt, wie sie bereits als Jugendliche über Alice in den Städten zu Wenders fand. Nicht die Handlung, sondern einzelne Bilder, Polaroids und das Gefühl von Sehnsucht haben sich eingebrannt. Diese Motive – Unterwegssein, Heimatlosigkeit, das tastende Suchen nach Sinn – spiegeln sich bis heute in ihrem eigenen Leben und ihrer Fotografie. Filme werden hier nicht konsumiert, sondern langsam erlebt, oft über Jahre hinweg neu entdeckt.
Ein zentraler Punkt des Gesprächs ist Perfect Days. Für beide steht dieser Film exemplarisch für Wenders’ Haltung: Reduktion statt Drama, Rituale statt Plot, Beobachtung statt Erklärung. Die Figur lebt ein scheinbar kleines Leben – und genau darin liegt seine Größe. Bescheidenheit, Wiederholung, Musik, Analoges, das bewusste Weglassen: all das wird als Gegenentwurf zu Beschleunigung und Leistungsdenken gelesen.
Die Ausstellung selbst wird als ruhig, offen und nicht chronologisch beschrieben. Sie erlaubt es, sich treiben zu lassen, Bilder und Filme nebeneinander wirken zu lassen. Wenders wird als Fotograf verstanden, der auch Filme macht – mit Vertrauen in Menschen, Improvisation und Atmosphäre statt Kontrolle.
Sehr berührend wird es, als Dominika von der schweren Erkrankung ihres Vaters erzählt und davon, wie der Film Palermo Shooting ihr in dieser Zeit Halt gegeben hat. Kunst wird hier zur Überlebensstrategie, zum Raum für Trauer, Sinnsuche und Hoffnung.
Am Ende bleibt die Frage, die sich durch das ganze Gespräch zieht:
Wie viel braucht ein gutes Leben wirklich – und nehmen wir uns genug Zeit, es bewusst zu sehen?
⏱️ Zeitstempel und Kapitel
00:00 Wim Wenders: Wieso Weshalb Warum
05:10 Meine Geschichte: Alice in den Städten und Polaroid
11:59 Atmosphäre der Bundeskunsthalle in Bonn
16:45 Musik und Emotionen in Wenders' Filmen
19:57 Perfect Days
23:25 Bescheidenheit und Rituale im Leben
26:18 Sehnsucht und Komorebi: Minimalismus und Lebensstil
30:40 Palermo Shooting mit Campino: Der Vater im Sterben
35:33 Der Tod und die Wertschätzung des Lebens
40:30 Dennis Hopper: Menschlichkeit in der Kunst
43:22 Storys: Bruno Ganz, Dennis Hopper, Peter Falk und Otto Sander
46:29 Kunst des Geschichtenerzählens in der Fotografie
52:05 Polaroid / Fotografie als Tagebuch
55:55 Wim Wenders Bücher - Einmal
59:11 Nahtoderfahrung, Haschkekse und Wertschätzung des Lebens
01:06:36 Paris Texas: Selbstfindung, kranke Liebe und die Spiegelszene
01:10:51 Die Kunst des Filmemachens und persönliche Vorlieben
01:15:54 Stimmung in der Ausstellung und Himmel über Berlin mit Nick Cave
01:22:12 Der Himmel über Berlin: Gibt es Engel? Botschaften, Geschichten und Erlebnisse
01:34:17 Ausstellungen, Kunst und persönliche Entdeckungen
01:42:54 Outtakes: Feedback und Dankeschön
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Wenders-Tulpe by Dominika
Dominika belohnt sich gern selbst mit Blumen. Und heute war so eine Gelegenheit.
Gemeinsam mit meinem Kollegen Thomas Füngerlings von @weekly52.de habe ich meine Herzensfolge aufgenommen – eine kleine Hommage an Wim Wenders. Warum wir ihn mögen, wie sehr er uns inspiriert, was seine Filme in uns auslösen.
Ich bin so glücklich über diese Aufnahme, dieses Gespräch, über diesen Moment.
Und ja – danach habe ich mir einen schönen Blumenstrauß gekauft. Mein Blick fiel sofort auf die Papageientulpe. Sie war schon am Verblühen. Die Blumenhändlerin verkauft sie eigentlich nicht mehr, und eine frischere Variante hatten sie auch nicht da. Aber weil ich diese Blume so schön fand, haben sie sie mir trotzdem dazugegeben. Jetzt darf sie meine Wenders-Tulpe sein. Als Erinnerung an diesen besonderen Tag.
Und auch die Vase hat ihre Geschichte. Als ich im Oktober mit meiner Freundin Jenny zum ersten Mal in Wuppertal war, sind wir in einen skurrilen Vintagestore @patina_store geraten. Ich habe mich sofort in diese Vase verliebt. Für mich selbst war sie eigentlich zu teuer. Aber weil mein Geburtstag nahte, kaufte meine liebe Freundin Jenny sie mir als Vor-Geburtstagsgeschenk.
Das Schöne ist: Wuppertal spielt auch in Wim Wenders’ Alice in den Städten eine wichtige Rolle. Es war der erste Film, den ich je von ihm gesehen habe – und der mich überhaupt erst zu meiner Polaroid-Fotografie inspiriert hat.
Heute treffen sich also Wim Wenders, eine verblühende Papageientulpe, eine Vase aus Wuppertal und meine eigene Geschichte auf meinem Tisch. Das Leben ist schön, wenn man sich noch an Kleinigkeiten erfreuen kann.
Unten Fotos von uns beiden aus der Ausstellung
🇬🇧 Wim Wenders, Perfect Days and One’s Own Life – Memories Between Images and Film
Between Images, Silence, and What Truly Matters
In this episode, Dominika and Thomas visit the Wim Wenders retrospective at the Bundeskunsthalle in Bonn. What starts as an exhibition visit soon unfolds into a deeply personal conversation about films, photography, memory, loss, and ways of living. Wim Wenders appears less as a legendary director and more as a quiet companion whose work grows alongside one’s own life.
Dominika reflects on discovering Wenders as a teenager through Alice in the Cities. Rather than the storyline, it was single images, Polaroids, and a feeling of longing that stayed with her. Themes like wandering, displacement, and searching for meaning resonate with her own biography and photographic practice. Wenders’ films are not rushed experiences but works that unfold slowly, often revealing new layers years later.
A key focus of the conversation is Perfect Days. For both speakers, the film embodies Wenders’ essence: minimalism over drama, rituals over plot, observation over explanation. The protagonist’s modest life becomes a powerful statement against speed, consumption, and constant self-optimization. Analog photography, music, repetition, and silence are celebrated as acts of resistance.
The exhibition itself is described as calm, open, and non-linear, allowing visitors to drift between films, photographs, and objects. Wenders is portrayed as a photographer who also makes films—trusting people, embracing improvisation, and prioritizing atmosphere over control.
The most emotional moment comes when Dominika shares how Palermo Shooting helped her cope with her father’s severe illness. Art becomes a lifeline, a way to process grief and confront mortality while choosing life.
Ultimately, this episode asks a simple but profound question:
How much do we really need to live well—and do we allow ourselves the time to truly see our lives?
🏷️ Schlagworte
Wim Wenders, Fotografie, Filmkunst, Kreativität, Stille, Wahrnehmung, Rituale, Minimalismus, Ausstellung, Kunst & Leben, Inspiration, Podcast, Analogfotografie, Verlust, Menschlichkeit

