ⓦ 467 Fotografie, Ethik und Verantwortung - ein Gespräch über Macht und Bilder mit Pia Parolin

Diese Folge stellt unbequeme Fragen zu Macht, Ethik und Verantwortung.

Ohne Zeigefinger, aber mit Tiefgang.

Neugier, Kamera, Verantwortung – ein unbequemes Dreieck

In dieser Folge entsteht aus einem Podcast-Kommentar zum weekly ⓦ 453 mit Freddy Mette ein intensives Gespräch über Fotografie, Macht und Verantwortung. Auslöser ist die Frage: Was passiert eigentlich, wenn wir Menschen fotografieren – besonders im globalen Süden? Und wer profitiert davon?

Pia bringt frische Eindrücke aus Brasilien mit, wo sie mehrere Wochen mit indigenen Gemeinschaften gearbeitet hat. Dort gelten strenge Regeln (FUNAI): Indigene Menschen dürfen nicht einfach fotografiert werden – selbst mit Zustimmung. Diese Erfahrung kollidiert frontal mit westlichen fotografischen Selbstverständlichkeiten wie Street Photography, Dokumentation und künstlerischer Freiheit.

Zentral ist die Erkenntnis: Fotografieren ist kein unschuldiger Akt. Jede Aufnahme erzeugt ein Machtgefälle. Die fotografierende Person entscheidet über Bild, Kontext, Veröffentlichung und Narrativ – die fotografierten Menschen meist nicht.

Susan Sontags Satz „To photograph is to appropriate“ zieht sich wie ein Echo durch das Gespräch. Sinngemäß “Fotografieren heißt Aneignung.” Wenn wir ein Foto machen, eignen wir uns das Abgebildete symbolisch an – wir bringen uns in eine bestimmte Beziehung zur Welt, die sich anfühlt wie Wissen und damit wie Macht. Damit ist jedes Foto mehr als nur ein Bild: Es ist ein Akt, der Realität auswählt, reduziert und interpretiert – und damit Machtverhältnisse herstellt. -> Mehr hier https://www.photopedagogy.com/susan-sontag

Besonders ehrlich wird es, wenn Pia ihre eigene Ambivalenz beschreibt: die Liebe zur Street Photography, das Spiel mit der Kamera – und gleichzeitig das Unbehagen, Menschen ungefragt abzubilden. DSGVO, koloniale Bildtraditionen, Spendenästhetik („Poverty Porn“) und idealisierte Bildwelten großer Fotografen werden kritisch eingeordnet.

Das Gespräch zeigt: In Kunst, Museen, Wissenschaft und Fotografie findet längst ein Paradigmenwechsel statt. Weg vom exotisierenden Blick, hin zu Augenhöhe, Partizipation und Selbstrepräsentation. Beispiele wie Fotograf:innen, die Wissen weitergeben statt Bilder mitzunehmen, zeigen mögliche Wege. Am Ende bleiben keine fertigen Regeln – aber viele gute Fragen. Vielleicht ist genau das der Punkt: nicht alles zu wissen, sondern bewusster zu sehen.

Wie viel Neugier ist okay – und wo beginnt Verantwortung?

⏱️ Zeitstempel und Kapitel

  • 00:00 Intro und Kontext zum ⓦ 453 mit Freddy Mette

  • 06:26 Ethik in der Fotografie und koloniale Perspektiven

  • 09:32 FUNAI: Regeln für die Fotografie in Brasilien

  • 12:30 Kulturelle Aneignung und die Verantwortung von Fotografen

  • 15:26 Auswirkungen des Kolonialismus

  • 18:39 Die Entwicklung eines Bewusstseins für indigene Rechte

  • 26:04 Macht-Asymmetrie und koloniale Perspektiven

  • 29:21 Ethik und Verantwortung in der Bildnutzung

  • 30:44 Kontroverse um Sebastiao Salgado

  • 34:03 Paradigmenwechsel in der Fotografie

  • 44:12 Neue Regeln oder neue Haltung? Generationen im Dialog

  • 52:28 Ambivalenz in der Fotografie: Kulturelle Sensibilität und Verantwortung

  • 58:25 Podcasts mittels KI

  • 01:04:24 Dankeschön

https://youtu.be/70UOxz3PnfI

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🇬🇧 Photography, ethics and responsibility – a conversation about power and images with Pia Parolin

This episode begins with a podcast comment and unfolds into a deep, honest conversation about photography, power, and ethics. At its core lies a simple but unsettling question: what really happens when we photograph people – especially in the Global South? Pia shares recent experiences from Brazil, where she worked closely with Indigenous communities. There, strict regulations apply: photographing Indigenous people is often prohibited, even with consent. These rules challenge long-held Western assumptions about documentary photography, street photography, and artistic freedom.

A central insight emerges: photography is not an innocent act. Every image creates a power imbalance. The photographer controls framing, context, publication, and narrative – while the photographed person usually does not. Susan Sontag’s famous line, “To photograph is to appropriate,” resonates throughout the discussion. The conversation becomes particularly compelling when Pia reflects on her own inner conflict: her love for street photography, the playful act of observing with a camera – and the growing discomfort of photographing people without consent. Topics like GDPR, colonial visual traditions, charity imagery (“poverty porn”), and the idealization found in classic documentary photography are critically examined.

The episode highlights a broader paradigm shift already underway in museums, art, academia, and photography. The movement is slow but clear: away from exoticizing perspectives, toward participation, self-representation, and ethical awareness. Examples of photographers who empower local voices rather than extracting images point toward alternative paths. There are no final rules at the end – only better questions. And perhaps that’s the point.

How much curiosity is fair – and where does responsibility begin?


LOSTalgia - A New Portrait Project startet at COP30 by Pia Parolin

LOSTalgia ist ein neues Portrait-Fotoprojekt, das Pia Parolin während der COP30-Klimakonferenz in Belém, Brasilien im November 2025 begonnen hat. Im Zentrum steht nicht der offizielle Konferenzbetrieb, sondern die Menschen hinter den Expert:innen – Forscher:innen, Hydrolog:innen, Ökolog:innen, Pädagog:innen und Naturschützer:innen, die täglich mit der ökologischen Krise arbeiten und leben. 

Pia Parolin kombiniert ihre Erfahrung als Tropenökologin mit fotografischem Blick, um ein emotionales, persönliches Bild derjenigen zu zeigen, die längst wissen, was auf dem Spiel steht, aber oft allein mit ihren Einsichten bleiben. Sie beschreibt das Phänomen, das viele dieser Wissenschaftler:innen teilen, als eine Art innere Erosion: das Erleben von Verlust, Frustration und Nostalgie angesichts kollabierender Ökosysteme, ohne dass gesellschaftliches Handeln schnell genug folgt – ein Zustand zwischen Wissen und Ohnmacht: LOSTalgia.

Das Projekt ist kein klassischer Dokumentarbericht, sondern ein intimes, psychologisches Portrait, das durch Gestik, Atmosphäre und Verletzlichkeit Menschen zeigt, die sowohl wissenschaftliche Autorität als auch emotionale Tiefe tragen. Parolin nutzt kurze, direkte Gespräche und Straßenfotografie-Methoden, um Ehrlichkeit und Hoffnung zu vermitteln. 

LOSTalgia startet in Brasilien, soll aber weiterwachsen – mit weiteren Portraits, Geschichten, einem Buch und Ausstellungen, die das emotionale Innenleben wissenschaftlicher Arbeit sichtbar machen. Das Herz des Projekts: Hinter jedem Datensatz steht ein Mensch, der fühlt, hofft und weiterarbeitet.

Quelle: https://www.piaparolin.com/PROJECTS/LOSTALGIA


Ergänzung: Solastalgie bezeichnet ein belastendes Gefühl des Verlustes, das entsteht, wenn jemand die Veränderung oder Zerstörung der eigenen Heimat bzw. des eigenen Lebensraums direkt miterlebt. Der Begriff „academic solastalgia“ beschreibt das emotionale Erschöpfungsgefühl, das entsteht, wenn Wissenschaftler:innen beobachten, wie das untersucht wird, was ihnen am meisten am Herzen liegt – die Umwelt – und dennoch kaum gesellschaftliche Veränderungen mitbekommen. Pia Parolin fotografiert diese Menschen nicht als Expert:innen, sondern in ihrer verletzlichen Menschlichkeit, fängt ihre Müdigkeit, Integrität, Hoffnung und Zweifel ein. 

Hallo Thomas, gestern bekam ich eine E-Mail mit einem sehr interessanten Text. Den leite ich dir weiter, denn er schließt an unsere Diskussion über Ethik an - fand ich hochspannend die Grundidee, dass ein Gesicht nicht mehr nur ein menschlicher Ausdruck ist, sondern ein biometrischer Datensatz – und das verändert unsere Verantwortung. Liebe Grüße, Pia

Is It the End of Street Photography as a Genre? by

Street photography was built on proximity, on the unscripted moment when two strangers briefly shared the same space and the same gaze. In a world where every face is searchable, traceable, and legally accountable, that proximity no longer carries the same meaning.

The future of street photography doesn't look like a sudden collapse. It looks like a slow, managed retreat. On the surface, the genre seems healthy: cameras are easier to use, and cities are more crowded than ever. But the shift isn't about aesthetic trends. It's about a fundamental change in the status of the human face. Street photography was built on the "friction of the second" — the unscripted encounter between strangers. In this tradition, the face wasn't an accessory; it was the raw material of the craft. Now, that material has become toxic.

The idea of the "random passerby" is eroding as a category. In a data-driven environment, the person in the frame is no longer anonymous by default. They are a data subject. The language shifts quietly, but the implications are significant: what once appeared as incidental presence now carries traceability. The camera no longer captures a passerby. It captures a profile.

From Eye to Scanner

The street is no longer a neutral stage. Today, a camera in a public space functions less like an artist's eye and more like a biometric scanner. In many jurisdictions, the moment a face is captured, it ceases to be "character" and becomes "personal data." Once an image is uploaded, licensed, or even used to build a photographer's online brand, it enters a commercial context that strips away the old protections of "artistic freedom."

This isn't just a theoretical threat. Reverse-image search has turned every street portfolio into a searchable database. A stranger in your frame is now one click away from being de-anonymized, linking their private life to your "decisive moment." Legal risk no longer starts with a court order; it starts with a DM or a takedown notice. Even a baseless privacy complaint is expensive to fight. This financial pressure is pushing spontaneous work toward insurance policies and written consent. The ethical weight has shifted, too: you aren't just capturing a moment, you are fixing a person into an endlessly retrievable digital record for someone who never asked to be indexed. The photographer has evolved from a witness into an involuntary agent of surveillance.

We can already observe the direction of travel by looking at news photography. Photojournalism is gradually losing its faces — not because of a new love for minimalism, but as a defensive adaptation to tightening legal standards. This is not a completed transformation but an ongoing drift. As publication becomes instantaneous and global, every photographer with a social media account operates, in effect, as a micro-publisher. The boundary between street shooter and newsmaker is thinner than it once was. To avoid the legal minefield of publishing identifiable people without consent, photographers are adjusting in real time.

Across editorial environments, a quieter adjustment is visible. Faces appear less centrally framed. Crowds are described through scale rather than expression. The camera lingers on space, signage, architecture, density. Individuals remain present, but less individually legible. This is not stylistic fashion. It is a gradual narrowing of what can be published without risk. This pattern is not confined to newsrooms. It reflects a broader recalibration of what can be shown without consequence.

The Cost of Proximity

The canon of street photography — Winogrand, Meyerowitz, Gilden — is a history of faces and the tension of the "close-up." Distance was never just about focal length; it was a declaration of involvement. Even the most chaotic, layered frames relied on the legibility of the human figure.

Consider a midday intersection seen from above. Crosswalk lines, shadows from traffic lights, pedestrians reduced to shapes moving between blocks of concrete and glass. Shot from a distance, the composition becomes about rhythm and alignment rather than expression. The people remain present, but their faces are no longer the anchor of the image. It's atmospheric, legally neutral, and utterly anonymous.

But this isn't the encounter that defined the genre. It lacks the exchange of gazes, the flash of recognition, the social friction. Anyone who has worked the street knows the "tremor in the hands" — that spike of adrenaline and guilt when a stranger starts to turn toward your lens. That collapse of distance from observation into confrontation was the genre's heartbeat. When the face becomes a liability, that heartbeat stops. What once felt like courage now carries legal exposure.

Some will argue that nothing fundamental has changed, that the street remains public and the law still permits capture. The right to capture may remain intact. The consequences now concentrate at publication. Those who claim that nothing has changed often focus on the right to capture. The pressure now sits elsewhere, at the point of publication, circulation, and liability.

Over time, these adjustments accumulate. Shooting from behind, relying on distance, dissolving faces into motion — what appears as stylistic refinement may also reflect constraint. When some approaches carry less risk than others, they spread. Over time, that changes the look of the genre.

Regulation and Simulation

AI intensifies this pressure by offering a risk-free alternative. Artificial generation has broken the link between the image and the location. A city scene no longer requires a city; a confrontation no longer requires a stranger's consent.

If a perfect, tense moment on a subway platform can be prompted into existence from a desk, the value of traditional street photography shifts toward "authenticity" — the raw proof that this actually happened. But here is the trap: the "proof" of the event — the identifiable face — is exactly what the law is making increasingly fragile to publish. The genre is being squeezed from both sides. Simulation removes the need for physical risk, while regulation makes that risk too expensive to bear.

There is another layer to this shift. Every publicly uploaded image now enters datasets beyond the photographer's control. Images of strangers do not only circulate socially; they are absorbed into training environments that refine the very systems competing with human photographers. Documenting the street now feeds the very systems that reduce the need to document it.

The practice does not need to be outlawed to be transformed. Instead, the practice is narrowing until it resembles something else. Spontaneity is being traded for "negotiated portraits." Instinct is being replaced by legal awareness. Street photography is not disappearing. It is moving away from proximity. In a world where every face is data, standing close to a stranger no longer carries the same meaning. When the face becomes a point of liability, proximity ceases to function as an encounter. The genre may continue, but it no longer belongs to the conditions that created it.

Alvin Greis is a Finland-based photographer and writer with a background in visual communication and a foundation in fine art. He creates large-format prints exploring gesture, light, and perception. His writing examines how clarity and meaning in photography evolve in a changing visual world shaped by automation and AI.

https://fstoppers.com/street/it-end-street-photography-genre-900316

Übersetzung mit Google Translater

Ist es das Ende der Straßenfotografie als Genre? Von Alvin Greis

Die Straßenfotografie lebte von der Nähe, vom unvorhergesehenen Moment, in dem zwei Fremde kurz denselben Raum und denselben Blick teilten. In einer Welt, in der jedes Gesicht auffindbar, nachverfolgbar und rechtlich übertragbar ist, hat diese Nähe ihre Bedeutung verloren.

Die Zukunft der Straßenfotografie sieht nicht nach einem plötzlichen Zusammenbruch aus. Sie ähnelt eher einem langsamen, kontrollierten Rückzug. Oberflächlich betrachtet scheint das Genre gesund: Kameras sind einfacher zu bedienen, und Städte sind voller denn je. Doch der Wandel hat nichts mit ästhetischen Trends zu tun. Es geht um einen grundlegenden Wandel im Stellenwert des menschlichen Gesichts. Die Straßenfotografie basierte auf der „Reibung der Sekunde“ – der unvorhergesehenen Begegnung zwischen Fremden. In dieser Tradition war das Gesicht kein Accessoire, sondern der Rohstoff des Handwerks. Heute ist dieser Rohstoff toxisch geworden.

Die Vorstellung des „zufälligen Passanten“ verliert als Kategorie an Bedeutung. In einer datengetriebenen Welt ist die Person im Bild nicht mehr automatisch anonym. Sie sind eine betroffene Person. Die Sprache ändert sich unmerklich, doch die Auswirkungen sind gravierend: Was einst als zufällige Anwesenheit erschien, ist nun nachverfolgbar. Die Kamera erfasst nicht mehr nur einen Passanten, sondern ein Profil.

Vom Auge zum Scanner

Die Straße ist kein neutraler Ort mehr. Heute funktioniert eine Kamera im öffentlichen Raum weniger wie das Auge eines Künstlers, sondern eher wie ein biometrischer Scanner. In vielen Ländern verliert ein Gesicht im Moment der Erfassung seinen Charakter und wird zu einem personenbezogenen Daten. Sobald ein Bild hochgeladen, lizenziert oder gar zur Online-Markenbildung eines Fotografen verwendet wird, gelangt es in einen kommerziellen Kontext, der den Schutz der künstlerischen Freiheit aufhebt.

Dies ist keine rein theoretische Bedrohung. Die umgekehrte Bildersuche hat jedes Straßenfoto-Portfolio in eine durchsuchbare Datenbank verwandelt. Ein Fremder im Bild kann mit einem Klick de-anonymisiert werden und sein Privatleben mit dem entscheidenden Moment verknüpfen. Rechtliche Risiken beginnen nicht mehr mit einer gerichtlichen Anordnung, sondern mit einer Direktnachricht oder einer Aufforderung zur Entfernung des Bildes. Selbst unbegründete Datenschutzbeschwerden sind kostspielig. Dieser finanzielle Druck führt dazu, dass spontane Arbeiten zunehmend durch Versicherungen und schriftliche Einwilligungen abgesichert werden. Auch die ethische Gewichtung hat sich verschoben: Man hält nicht mehr nur einen Moment fest, sondern zementiert eine Person in ein unendlich abrufbares digitales Archiv – für jemanden, der nie darum gebeten hat, indexiert zu werden. Der Fotograf hat sich vom Zeugen zum unfreiwilligen Überwachungsagenten entwickelt.

Die Richtung dieser Entwicklung lässt sich bereits in der Nachrichtenfotografie erkennen. Der Fotojournalismus verliert nach und nach seine Gesichter – nicht etwa aus einer neuen Vorliebe für Minimalismus, sondern als defensive Anpassung an verschärfte rechtliche Standards. Dies ist keine abgeschlossene Transformation, sondern ein fortlaufender Prozess. Da Veröffentlichungen immer schneller und globaler erfolgen, agiert jeder Fotograf mit einem Social-Media-Account faktisch als Mikro-Publisher. Die Grenze zwischen Straßenfotograf und Nachrichtenmacher ist fließender denn je. Um das rechtliche Minenfeld der Veröffentlichung identifizierbarer Personen ohne deren Einwilligung zu umgehen, passen Fotografen ihre Vorgehensweise in Echtzeit an.

In redaktionellen Bereichen ist eine stillere Anpassung zu beobachten. Gesichter erscheinen weniger zentral im Bildausschnitt. Menschenmengen werden eher durch ihre Größe als durch ihren Ausdruck beschrieben. Die Kamera verweilt auf Raum, Schildern, Architektur, Dichte. Einzelpersonen bleiben präsent, sind aber weniger individuell erkennbar. Dies ist keine stilistische Modeerscheinung. Es ist eine allmähliche Verengung dessen, was ohne Risiko veröffentlicht werden kann. Dieses Muster beschränkt sich nicht auf Redaktionen. Es spiegelt eine umfassendere Neuausrichtung dessen wider, was ohne Konsequenzen gezeigt werden kann.

Der Preis der Nähe

Der Kanon der Straßenfotografie – Winogrand, Meyerowitz, Gilden – ist eine Geschichte der Gesichter und der Spannung der Nahaufnahme. Distanz war nie nur eine Frage der Brennweite; sie war ein Ausdruck von Nähe. Selbst die chaotischsten, vielschichtigsten Bilder basierten auf der Erkennbarkeit der menschlichen Figur.

Betrachten wir eine Kreuzung am Mittag, von oben gesehen. Zebrastreifen, Schatten von Ampeln, Fußgänger, reduziert auf Formen, die sich zwischen Beton- und Glasblöcken bewegen. Aus der Distanz aufgenommen, geht es in der Komposition eher um Rhythmus und Ausrichtung als um Ausdruck. Die Menschen bleiben präsent, aber ihre Gesichter sind nicht länger der Anker des Bildes. Es ist atmosphärisch, rechtlich neutral und völlig anonym.

Doch diese Begegnung prägte das Genre nicht. Es fehlt der Blickwechsel, das plötzliche Erkennen, die soziale Spannung. Jeder, der auf der Straße gearbeitet hat, kennt das „Zittern in den Händen“ – diesen Adrenalinschub und das schlechte Gewissen, wenn sich ein Fremder der Kamera zuwendet. Dieser Übergang von der Beobachtung zur Konfrontation war der Herzschlag des Genres. Wenn das Gesicht zur Belastung wird, verstummt dieser Herzschlag. Was einst Mut bedeutete, birgt nun rechtliche Risiken.

Manche argumentieren, dass sich nichts Grundlegendes geändert habe, die Straße weiterhin öffentlich sei und das Fotografieren nach wie vor erlaubt sei. Das Recht zu fotografieren mag bestehen bleiben. Die Konsequenzen konzentrieren sich nun auf die Veröffentlichung. Wer behauptet, es habe sich nichts geändert, fokussiert sich oft auf das Recht zu fotografieren. Der Druck lastet nun woanders, nämlich bei Veröffentlichung, Verbreitung und Haftung.

Im Laufe der Zeit häufen sich diese Anpassungen. Aufnahmen von hinten, das Ausnutzen von Distanz, das Verschmelzen von Gesichtern mit Bewegung – was wie stilistische Verfeinerung erscheint, kann auch Einschränkung widerspiegeln. Wenn manche Ansätze weniger riskant sind als andere, verbreiten sie sich. Das verändert mit der Zeit das Erscheinungsbild des Genres.

Regulierung und Simulation

KI verstärkt diesen Druck, indem sie eine risikofreie Alternative bietet. Künstliche Bildgenerierung hat die Verbindung zwischen Bild und Ort gelöst. Eine Stadtszene benötigt keine Stadt mehr; eine Konfrontation nicht mehr die Zustimmung eines Fremden.

Wenn ein perfekter, spannungsgeladener Moment auf einem U-Bahnsteig vom Schreibtisch aus inszeniert werden kann, verschiebt sich der Wert der traditionellen Straßenfotografie hin zu „Authentizität“ – dem bloßen Beweis, dass dies tatsächlich geschehen ist. Doch hier liegt die Falle: Der „Beweis“ des Ereignisses – das identifizierbare Gesicht – ist genau das, was das Gesetz zunehmend gefährdet. Das Genre gerät von beiden Seiten unter Druck. Simulationen eliminieren das physische Risiko, während Regulierungen dieses Risiko untragbar machen.

Dieser Wandel hat noch eine weitere Ebene. Jedes öffentlich hochgeladene Bild landet nun in Datensätzen, die außerhalb der Kontrolle des Fotografen liegen. Bilder von Fremden zirkulieren nicht nur in sozialen Netzwerken; sie werden auch in Trainingsumgebungen integriert, die genau jene Systeme verfeinern, die mit menschlichen Fotografen konkurrieren. Die Dokumentation der Straße nährt nun jene Systeme, die die Notwendigkeit der Dokumentation verringern.

Die Praxis muss nicht verboten werden, um sich zu verändern. Stattdessen verengt sie sich, bis sie etwas anderem ähnelt. Spontaneität wird gegen „ausgehandelte Porträts“ eingetauscht. Instinkt wird durch Rechtsbewusstsein ersetzt. Die Straßenfotografie verschwindet nicht. Sie entfernt sich von der Nähe. In einer Welt, in der jedes Gesicht zu Daten wird, hat die Nähe zu einem Fremden nicht mehr dieselbe Bedeutung. Wenn das Gesicht zum Risikofaktor wird, verliert Nähe ihre Funktion als Begegnung. Das Genre mag fortbestehen, aber es gehört nicht mehr zu den Bedingungen, die es hervorgebracht haben.

Über Alvin Greis

Alvin Greis ist ein in Finnland lebender Fotograf und Autor mit einem Hintergrund in visueller Kommunikation und einer fundierten Ausbildung in bildender Kunst. Er schafft großformatige Drucke, die sich mit Gestik, Licht und Wahrnehmung auseinandersetzen. In seinen Texten untersucht er, wie sich Klarheit und Bedeutung in der Fotografie in einer sich wandelnden, von Automatisierung und KI geprägten visuellen Welt entwickeln.

🏷️ Schlagworte

Fotografie, Ethik, Street Photography, Verantwortung, Macht, Wahrnehmung, Kreativität, Dokumentarfotografie, Kolonialismus, Perspektive, Ambivalenz, Bildsprache, Respekt, Diskurs

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ⓦ 468 🎬 Two and a Half-Frame Kamera - Doppelter Spaß beim Fotowalk mit der Kodak Ektar H35 in Bonn

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ⓦ 466 Im Spiegel von Wim Wenders, Perfect Days und das eigene Leben – Erinnerungen zwischen Bildern und Filmen