ⓦ 479 Kameralose Fotografie mit Aindreas Scholz und Amélie M. Walter: Wenn die Natur den Auslöser drückt

Was passiert, wenn Fotografie nicht mehr durch Linse, Sensor oder klassische Kamera entsteht, sondern durch Sonnenlicht, Salz, Pflanzen, Zeit und Zufall?

Wie Licht und Meerwasser fotografische Kunst erschaffen

In dieser faszinierenden Folge spricht Thomas mit Aindreas Scholz und Amelie Walter über kameralose Fotoverfahren wie Cyanotypie, Lumenprints und experimentelle Prozesse, die Fotografie wieder auf ihre elementarsten Ursprünge zurückführen.

Aindreas verbindet Kunst, Umweltbewusstsein und Forschung auf außergewöhnliche Weise. Seine Arbeiten entstehen direkt mit natürlichen Materialien, oft unter Einbeziehung von Meerwasser, Pflanzen oder klimatischen Bedingungen bestimmter Orte. Dabei wird Fotopapier selbst zu einer empfindlichen Oberfläche, fast wie Haut, die auf Umwelt, Licht und Zeit reagiert. Das Ergebnis sind Werke, die nicht nur ästhetisch beeindrucken, sondern gleichzeitig Fragen zu Klimawandel, Vergänglichkeit und menschlichem Einfluss auf unsere Welt stellen.

Amelie beschreibt eindrucksvoll, wie befreiend dieser Ansatz sein kann. Statt Kontrolle und Perfektion stehen Loslassen, Entschleunigung und Offenheit im Mittelpunkt. Gerade für Fotograf:innen, die sonst stark technisch arbeiten, eröffnet dieser Prozess neue kreative Räume und überraschende Perspektiven.

Besonders spannend wird deutlich, dass diese Verfahren nicht nur Bilder erzeugen, sondern lebendige Prozesse darstellen. Manche Werke verändern sich sogar noch während einer Ausstellung weiter. Fotografie wird dadurch nicht zum fertigen Produkt, sondern zu einem Dialog zwischen Material, Natur und Betrachtenden.

Diese Episode öffnet den Blick für eine Form der Fotografie, die weit über klassische Bildproduktion hinausgeht. Sie zeigt, wie Kunst, Wissenschaft und ökologische Fragen ineinandergreifen können und wie kreativ es sein kann, Kontrolle abzugeben.

Wie würde sich dein eigener kreativer Blick verändern, wenn du der Unvorhersehbarkeit mehr Raum gibst?

⏱️ Zeitstempel und Kapitel

  • 00:00 Kameralose Fotografie mit Cyanotypie und Lumen

  • 08:05 Ist Sonnenlicht ein Material?

  • 11:18 Wie Lumenprints entstehen

  • 15:40 Künstlerischer Prozess mit Zeit, Geduld und Materialverhalten

  • 17:39 Auswahl an Fotopapieren

  • 19:59 Unvorhersehbare Effekte in der Fotografie

  • 21:24 Nachhaltigkeit und ökologische Fotografie ohne Filme

  • 23:16 Lebendige Bilder mit stetiger Veränderung 

  • 24:39 Wann ist das Bild fertig? Die Herausforderungen der Fotokonservierung

  • 32:52 Inspiration durch kaputte Kamera - Lernen durch Fehler

  • 36:35 Loslassen statt Kontrolle: die Freiheit des kameralosen Fotografierens

  • 44:14 Ökologische Fotografie: Gestern und heute

  • 48:12 Forschungsarbeit: Küstenveränderungen und Fotografie

  • 53:44 Dialog mit dem Betrachter

  • 56:06 Intuitive Wahrnehmung in der Kunst

  • 58:12 Der Klimawandel ist nicht ästhetisch

  • 01:00:09 Verkauf und Ausstellung von Kunstwerken

  • 01:02:57 Kameralose Fotografie und Authentizität

  • 01:06:21 Workshops und Lehre in der Kunst

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ⓦ 479 Fotografie ohne Kamera – Licht, Pflanzen und die Kunst des Zufalls mit Amélie M. Walter

In diesem kurzen Video zeigt Amélie M. Walter Einblicke in das Buch aus dem Workshop mit Aindreas Scholz, über das wir in der Podcastfolge gesprochen haben. Anschließend seht ihr mehrere Arbeiten von Amélie, die auch mit kameralosen Fotoverfahren entstanden sind. Licht, Pflanzen, Papier und Zeit werden dabei zu kreativen Werkzeugen.

Die Ergebnisse wirken oft ruhig, poetisch und überraschend.

Aindreas Scholz ist ein deutsch-irischer Fotograf mit Sitz in London, der mit kameralosen und ökologischen fotografischen Verfahren arbeitet.

Aindreas Scholz schafft klimaadaptierte Arbeiten, die mit Sonnenlicht, Wasserchemie und pflanzlicher Materie interagieren und dabei Regen, Meerwasser, Salzgehalt sowie gestörte Böden dazu einladen, sich physisch auf der fotografischen Oberfläche abzuzeichnen. Seine Bilder bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Ästhetik und Beleg: Fotografien, die als materielle Spuren eines Ortes, von Kontamination und von Vulnerabilität fungieren.

Scholz wird von der Galerie In-Dependance vertreten und hat seine Arbeiten bereits umfassend im Vereinigten Königreich und in Europa ausgestellt – darunter in Einzel- und Duo-Präsentationen sowie in bedeutenden Gruppenausstellungen, die das Spektrum der analogen und nachhaltigen Fotografie abdecken. Seine künstlerische Praxis wurde durch diverse Auszeichnungen und Stipendien gefördert, unter anderem durch den Arts Council England sowie durch Forschungsunterstützung des Paul Mellon Centre. Seine Werke sind in öffentlichen und institutionellen Sammlungen vertreten, darunter im Office of Public Works (Irland) und bei NHS Foundation Trusts (UK).

Neben seiner Arbeit im Atelier hält er Vorträge und leitet Workshops zu nachhaltigen analogen und historischen fotografischen Verfahren. Er studierte Fotografie an der Technological University Dublin, absolvierte ein Postgraduiertenstudium der Bildenden Kunst am Goldsmiths College der University of London und ließ sich am University College London zum Pädagogen ausbilden.

Anstatt den Klimawandel lediglich als ein „Bildproblem“ zu betrachten, begreift Scholz die Fotografie als ein materielles System, das sich neu gestalten lässt: als eine Praxis des Testens, Messens und der Übernahme von Verantwortung für Chemie, Wasser und Abfall. Seine aktuellen Projekte stellen die Frage, was es bedeuten würde, wenn der fotografische Schaffensprozess zu einer aktiven Form der Fürsorge würde – einer Fürsorge, die dazu beiträgt, nicht nur die Narrative des Mediums, sondern auch dessen ökologischen Fußabdruck neu zu formen.

Aindreas Scholz Statement

Meine künstlerische Praxis nutzt klimaadaptierte, kameralose fotografische Verfahren, um Bilder als materielle Zeugnisse des Umweltwandels zu schaffen. Indem ich ohne Kamera arbeite, gehe ich eine Kollaboration mit dem Sonnenlicht, der Wasserchemie und pflanzlichen Materialien ein; so prägen sich atmosphärische und ökologische Bedingungen – saurer Regen, verschmutztes Meerwasser und gestörte Böden – physisch in die fotografische Oberfläche ein.

Die Arbeiten bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Bild und Beweisstück: Es sind Fotografien, die zugleich als Spuren eines Ortes, einer Kontamination und einer Vulnerabilität fungieren.

In mehreren fortlaufenden Werkreihen begreife ich den fotografischen Abzug als eine „ökologische Nasskammer“, in der nicht-menschliche Akteure als Koautoren am Ergebnis mitwirken. Ich arbeite mit klimaadaptierter Cyanolumen-Fotografie auf abgelaufenem, vorbelichtetem RC-Fotopapier unter Verwendung von saurem Regen und fragilem Pflanzenmaterial.

Ich kombiniere klimaadaptierte Cyanotypie mit Bodenchromatografie auf Whatman-Filterpapier, wobei ich verschmutztes Meerwasser, sauren Regen und gestörte Böden einsetze; und ich entwickle klimaadaptierte Cyanotypien auf archivfestem Aquarellpapier unter Zuhilfenahme von verschmutztem Meerwasser, Meersalz und vulnerablen Pflanzen.

Diese materialbasierten Methoden knüpfen an die miteinander verflochtenen – und oftmals umstrittenen – Geschichten der Fotografie an, die von wissenschaftlicher Aufzeichnung und archivischer Dokumentation geprägt sind; zugleich bestehen sie darauf, dass das fotografische Blatt als ein Ort fungieren kann, an dem Klima und Materie sichtbar werden.

Ich möchte den Klimawandel nicht bloß abbilden; vielmehr stelle ich die Frage, wie die Fotografie – vermittels ihrer Materialien, Methoden und Infrastrukturen – eine aktivere Rolle im Widerstand gegen diesen Wandel einnehmen kann.


My practice uses climate-adapted cameraless photographic processes to make images as material records of environmental change. Working without a camera, I collaborate with sunlight, water chemistry, and plant matter so that atmospheric and ecological conditions, acidic rain, polluted seawater, and disturbed soils, physically imprint the photographic surface. The works sit between image and evidence: photographs that are also traces of place, contamination, and vulnerability.

Across several ongoing series, I treat the print as an ‘ecological wetroom’ where other-than-human agencies co-author the outcome. I work with climate-adapted cyanolumen on expired, pre-exposed RC darkroom paper using acidic rain and fragile plant material; combine climate-adapted cyanotype with soil chromatography on Whatman filter paper using polluted seawater, acidic rain, and disturbed soil; and develop climate-adapted cyanotypes on archival watercolour paper using polluted seawater, sea salt, and vulnerable plants. These materially driven methods draw on photography’s intertwined, and often contested, histories of scientific inscription and archival record, while insisting that the photographic sheet can function as a site where climate and matter become visible.

I do not merely wish to represent climate change; I ask how photography, through its materials, methods, and infrastructures, can become more active in resisting it.

https://aindreasscholz.com/pages/statement


Werke von Aindreas Scholz: Cyanotype und Cyanolumen

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ⓦ 479 Kameralose Fotografie mit Aindreas Scholz: Wenn die Natur den Auslöser drückt
Thomas Füngerlings und Amelie Walter

🇬🇧 Cameraless Photography with Aindreas Scholz: When Nature Presses the Shutter

What happens when photography is no longer created through lenses, sensors, or traditional cameras, but through sunlight, salt, plants, time, and unpredictability? In this fascinating episode, Thomas speaks with Aindreas Scholz and Amelie about camera less photographic processes such as cyanotype, lumen prints, and experimental methods that return photography to its earliest roots.

Aindreas combines art, environmental awareness, and research in remarkable ways. His work is created directly through natural materials, often involving seawater, plants, and the environmental conditions of specific locations. Photographic paper becomes a sensitive surface, almost like skin, reacting to light, climate, and time. The result is artwork that is visually captivating while also raising questions about climate change, fragility, and humanity’s impact on nature.

Amelie shares how liberating this process can be. Instead of perfection and technical control, the focus shifts toward slowing down, letting go, and embracing uncertainty. For photographers used to structured methods, this opens entirely new creative possibilities.

What makes this approach especially compelling is that these works are not static images. Some continue changing even while displayed in exhibitions. Photography becomes less about finished results and more about an ongoing dialogue between materials, environment, and viewer.

This conversation reveals photography as something far deeper than image making. It becomes a bridge between creativity, science, and ecological reflection, offering a powerful reminder that letting go can sometimes lead to the most meaningful artistic discoveries.

How might your own creativity evolve if you allowed more space for uncertainty?


🏷️ Schlagworte

Fotografie, Kameralose Fotografie, Cyanotypie, Lumenprint, Kunst, Kreativität, Nachhaltigkeit, Umwelt, Klimawandel, Licht, Experiment, Slow Photography, Materialkunst, Inspiration, Wahrnehmung, Podcast, Künstlerische Prozesse, Naturfotografie, Visuelle Kunst

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ⓦ 480 Akkordarbeit bringen Musik dorthin, wo sie gebraucht wird mit Frederik Kleinschmidt und Finn Böhme aus Rendsburg

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